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Dez26.’1617.00 Uhr

2. Stilgebot für guten Text: 
Schreibe, wie du sprichst.

Von Ralf Isau
Teil 3/11

Sperrige Texte quälen den Leser. Meist beenden sie die Lektüre schon nach wenigen Sätzen. Einer der häufigsten Gründe für schwer lesbare Texte ist der Irrtum, nur Schriftdeutsch sei gutes Deutsch. Das haben uns die Deutschlehrer so eingebläut. Das Umgangssprachliche belegen Sie mit dem Bann der roten Tinte. So mancher Exschüler bleibt in diesem Trauma lebenslang gefangen. Aber das muss nicht sein.

Wer anderen Menschen Gedanken auf anschauliche Weise vermitteln möchte, sollte es nicht im sperrigen Schriftdeutsch tun. Am besten, Sie betrachten diesen Begriff ab heute als Synonym für »schlechten Stil«. Die erste Steigerungsform von Schriftdeutsch lautet übrigens »Amtsdeutsch« und der Superlativ ist das »Kanzleideutsch«.

Auf Stilsünden konditioniert

Ein Beamter der mittleren und gehobenen Laufbahn, muss in Schriftdeutsch denken. Rüttelt man ihn mitten in der Nacht wach, genügt kein einfaches »Äh?« oder »Was ist denn los?« Das ist viel zu kurz, zu verständlich und zu wenig rechtssicher. Der angepasste Beamte sagt im Halbschlaf vielmehr Dinge wie: »In wessen Verantwortung liegt die Unterbrechung meiner Tiefschlafphase und welche Voraussetzungen liegen ihr zugrunde?« Nebenbei bemerkt: Auch ein Großteil der Deutschlehrer sind Beamte.

Amts- und Umgangsdeutsch im Vergleich

Die Wahrheit ist: Kanzleideutsch ist kein Muss für rechtssichere Formulierungen. Gesetze, AGBs und Verträge lassen sich auch verständlich abfassen. Nicht verbeamtete Gehirne brauchen keine Bandwurmsätze wie:

Die mit der Erhitzung koffeinhaltiger Bohnenheißgetränke in räumlicher Distanz zu den lebens­mittel­tech­nischen Ver­sor­gungs­räum­lich­keiten einhergehende Gefährdung kann durch die strikte Einhaltung der Zweck­bestim­mungs­vor­schrif­ten auf ein zu ver­nachläs­sigen­des Restrisiko reduziert werden.

Dem normalen Leser genügen dafür zwölf Worte in Umgangsdeutsch:

Sie dürfen Kaffee nur in der Küche kochen. Das ist am sichersten.

Zu welchen unsäglichen Auswüchsen das Schriftdeutsche führt, zeigt auch folgendes Beispiel aus der Stupipedia:

Es ist von der Feststellung auszugehen, dass die gegenwärtige Klima­einfluss­nahme, die zurzeit vorliegenden Tem­pe­ra­tur- und Nie­der­schlags­bedin­gun­gen betreffend, wegen derer eine Positiv­beurtei­lung des aktuellen Zustandes der Zu­tref­fenden entspräche, dies­bezüglich eine opti­misti­sche Ein­schät­zung nahelegt.http://www.stupidedia.org/stupi/Amtsdeutsch

Einem Texter, der sein Handwerk versteht, genügen dafür sechs Worte:

Was für ein schönes Wetter heute!

Sie sehen, die zweite Regel für stilsicheres Deutsch sorgt für leicht lesbare und verständliche Texte. Vermeiden Sie deshalb Schriftdeutsch, wann und wo immer es möglich ist. Schreiben Sie stets so, wie Ihre Zielgruppe spricht.

Schon Martin Luther hatte diese Stilregel beim Verfassen seiner Bibelübersetzung beherzigt. Er sagte: »Ihr müsst dem Volk aufs Maul schauen.« Deshalb schrieb er »Träne« statt »Zähre« oder »gefallen« statt »behagen«. So legte er die Grundlage für das Einheitsdeutsch, wie wir es heute kennen.

Slang und Modeworte sind schwacher Stil.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich lege hier kein Plädoyer für Slang und Modeworte ab. Diese Begriffe überwuchern die feinen Nuancen der deutschen Sprache und nehmen ihr die Tiefe. Ein Produkt als »cool« zu bezeichnen, ist eine Verallgemeinerung, die wissbegierige Leser ratlos zurücklässt. Unser zweites Stilgebot »Schreibe, wie du sprichst« soll dem Hang zum Amtsdeutsch entgegenwirken. Es ist kein Aufruf, die deutsche Sprache mit platten Banalitäten einzuebnen.

Rollentausch statt Wörterrausch

Versetzen Sie sich beim Texten stets in den Kopf des Lesers. Das fällt Ihnen leichter, wenn Sie den Text mindestens eine Nacht lang ruhen lassen. Am nächsten Tag fragen Sie sich dann beim Redigieren: Kann das mein Leser verstehen? Kann ich ihm diesen Wörterrausch wirklich zumuten? Umständlicher, gedrechselter und verschnörkelter Kanzleistil martert das Hirn – die sicherste Art Leser zu verlieren.

Neu schreiben lernen

Um das zweite Stilgebot zu beherzigen, müssen Sie sich selbst einer Gehirnwäsche unterziehen. Klingt hart, ist aber so. Von der Einschulung an haben zahllose Beamte Ihren Denkapparat auf Schriftdeutsch getrimmt. Deshalb fällt es Ihnen so leicht, Sätze zu formulieren wie: »Das Büro ist unter Zuhilfenahme eines Besens zu reinigen.« Dabei wäre doch »Das Büro ist mit einem Besen zu reinigen« viel einfacher zu verstehen. Noch verständlicher und zugleich aktiver ist die Anweisung: »Reinigen Sie das Büro bitte mit einem Besen.«

Das Amtsdeutsch ist stark mit der deutschen Kultur verwachsen. Selbst erfahrenen Werbetextern quillt immer mal wieder der Kanzleistil aus der Feder. Wie können Sie ihn vermeiden? Lesen und überarbeiten Sie Ihren Text so oft, bis er wie gesprochen klingt. Erst dann ist er eingängig. Dann erst wird der Leser ihn verschlingen und verstehen.

Fortsetzung folgt

Im vierten Teil unserer Reihe zum stilsicheren Texten geht es um Wortbilder und eindeutige Aussagen. Bleiben Sie also dran. Man liest sicht.

3. Stilgebot

Überblick