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Jan10.’1720.00 Uhr

4. Stilgebot für guten Text: 
Fasse dich kurz.

Von Ralf Isau
Teil 5/11

Wer gutes Deutsch scheiben will, muss um jede Silbe geizen. Er wählt kurze Worte und textet knappe Sätze. Denn das Sprichwort »In der Kürze liegt die Würze« gilt heute mehr denn je: Die meisten Leser wünschen sich gut verdauliche Wissenshäppchen. Sollten Sie kein Autor epischer Fantasy-Trilogien sein, lege ich Ihnen daher das 4. Stilgebot ans Herz: Fasse dich kurz.

Das Paradox

Der französische Naturwissenschaftler Blaise Pascal bat einmal:

Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen einen langen Brief schreibe, für einen kurzen habe ich keine Zeit. Blaise Pacal

Das klingt zunächst wie ein Paradox. Doch Pascal triff die Wirklichkeit genau. Warum dauert es länger, kurze Texte zu schreiben? Weil der Verfasser zunächst bis zum Kern der Aussage vordringen muss. Seine Worte mit Bedacht zu wählen, setzt genug Bedenkzeit voraus. Dem geistigen Kraftakt folgt dann das Schreiben in verständlicher Sprache. Viele Texter vertauschen die zwei Schritte: Sie beginnen zu schreiben und schalten dann erst ihr Gehirn ein. Wie soll dabei ein kurzer Text herauskommen?

Im Teil 5 unserer Reihe über stilsicheres Texten klären wir das Warum und das Wie: Warum sind viele Texte zu lang und kurze Texte für das Verständnis so wichtig? Und wie schreibt man kurz und bündig? Sie sehen anhand von Tipps und Beispielen, wie sich Wörter, Sätze und Texte kürzen lassen.

Warum sind viele Texte zu lang?

Sinnfreiheit

Textschaffende missachten kaum eine andere Stilregel so oft wie das Gebot der Kürze. Das liegt nicht nur am Zeitdruck. Bisweilen ist Länge auch Verschleierungstaktik. Wer nichts sagen will, aber muss, erklärt sich gerne sinnfrei. Damit das nicht auffällt, versteckt sich der Nonsens in einem unüberschaubaren Wust hochtrabender Worte. Solche verbalen Nebelkerzen kennen wir nicht nur von Politikern.

Verschleierung

Auch manches Wirtschaftsunternehmen versteckt unangenehme Wahrheiten gerne im wuchernden Dickicht juristischer Formulierungen. Eindrucksvoll bewies das die britische Anwältin Jenny Afia. Sie hackte sich mit einem Buschmesser durch den Dschungel der allgemeinen Geschäftsbedingungen von Instagram. Bilanz: Die sieben Seiten langen AGBs des Bilderportals umfassten etwa 5000 Wörter. Afia stutzte sie kindgerecht auf wenige Sätze, die auf nur eine Seite passen. Und mit einem Mal kann jeder verstehen, welche Rechte sich das soziale Netzwerk herausnimmt. Da stehen Dinge wie:

Offiziell gehören Dir alle von Dir geposteten Originalbilder oder -videos. Aber wir dürfen sie verwenden. Und überall auf der Welt können wir sie andere Leute benutzen lassen. Diese mögen uns dafür bezahlen. Dich werden wir nicht dafür bezahlen. »Growing Up Digital, A report of the Growing Up Digital Taskforce, January 2017«; Childrens Commissioner for England (Hrsg.)

Ich erfuhr übrigens in einem Radiobeitrag davon. Auf seiner Website setzte der Sender SWR 3 auch einen Link zu dem Afia-Text auf childrenscommissioner.gov.uk. Zwei oder drei Tage nach dem SWR-3-Beitrag verschwand das PDF-Dokument von der britischen Kinderrechtsseite. Über die Gründe darf munter spekuliert werden. Wen der Text von Jenny Afia interessiert, der sei auf die Wayback Machine des Internet-Archivs verwiesen. Sie bewahrt die großen und kleinen Stilsünden des Internets für die Nachwelt.

Dünkel

Es gibt noch einen weiteren Grund, das Stilgebot der Kürze zu missachten. Allzu viele halten klare, leicht verständliche Sprache für ein Zeichen mangelnder Bildung. Das war auch dem Schriftsteller und Theaterkritiker Lion Feuchtwanger aufgefallen. Er mokierte sich 1927 über die Angewohnheit seiner Kollegen aus der mangelnden Verständlichkeit eines Textes auf die Qualität zu schließen. Die Kritiker schreiben dann:

Der kann nicht viel taugen, den verstehen wir ja! Lion Feuchtwanger

Im Agenturalltag fällt mir das häufiger bei Medizinern auf. Angehende Ärzte lernen die medizinische Terminologie bereits in der Vorklinik, also zu Beginn des Studiums. So bildet sich bei vielen zwangsläufig ein elitäres Selbstbild heraus: Sprache dient dazu, sich vom Rest der Welt abzugrenzen. Wer sich selbst genug ist, kann das gerne tun. Wollen Sie dagegen Menschen für sich gewinnen, verabschieden Sie sich bitte vom Standesdünkel.

In Zeiten von Twitter und WhatsApp achten Leser mehr denn je auf kurze Texte. Wahre Größe zeigt sich darin, selbst schwierige Sachverhalte kurz, prägnant und verständlich zu beschreiben. Das ist übrigens nicht nur eine Frage des Stils. Es gibt gute wissenschaftliche Gründe, die gegen lange Texte sprechen.

Dem Leser ins Hirn geschaut

Mehr Abwechslung für das Auge

Forscher haben gründlich untersucht, wie Leser sich einen Text einverleiben: Das Auge hüpft beim Lesen gewissermaßen durch den Text. Jedes Innehalten zwischen zwei Sprüngen dauert nur etwa 0,2 Sekunden. Für den Sprung zum nächsten Fixationspunkt braucht es nur etwa 0,01 bis 0,05 Sekunden.

Der Fokus des Auges beim Lesen misst im Durchmesser etwa zwei bis drei Zentimeter. Was sich jenseits dieses Kreises befindet, erscheint uns unscharf. In diesen Randbereichen bemerken wir nur noch auffällige Merkmale wie Wortzwischenräume, Ober- und Unterlängen, Fettschrift, Großbuchstaben usw. Diese Besonderheiten reichen jedoch aus, um das nächste Sprungziel anzusteuern.

Je weniger Struktur ein Text aufweist, desto weniger Ruhepunkte findet das Auge: Es tut sich schwerer mit dem Lesen. Das ist übrigens einer der Gründe, warum wir Texte, die nur aus Großbuchstaben bestehen, viel langsamer lesen. Schon ein Doppelpunkt, Gedankenstrich oder Punkt am Satzende unterstützen das Auge bei der Fixation. Lange Wörter, Sätze und Texte hemmen jedoch den Lesefluss.

Je mühsamer für den Leser das Aufnehmen der Informationen ist, desto öfter muss er im Text zurückspringen. Solche Rücksprünge, selbst wenn sie unbewusst erfolgen, hemmen also den Lesefluss: Der Leser fühlt sich bald unwohl mit dem Text und gibt schneller auf.

Nur in der Gegenwart verstehen wir gut.

Bei der Frage, wie unser Gehirn das Lesen bewältigt, ist Psychologen noch etwas anderes aufgefallen: Jeder Mensch besitzt ein Gegenwartsfenster. Dieses Jetzt dauert ungefähr zwei bis drei Sekunden. Was sich in dieses Zeitraster fügt, empfinden wir als passend und angenehm.

Bereits 1956 fand der Sprachwissenschaftler G. A. Miller heraus: Der Mensch kann sich sieben bis maximal neun Wörter merken. Spätere Forschungen erhärten diese Erkenntnisse. Siebenjährige verstehen gesprochene Sätze mit mehr als acht Wörtern kaum noch. Bei einem Drittel aller Erwachsenen setzt das Textverständnis beim elften Wort aus. Die Hälfte streicht beim 14. Wort die Segel. Für Zuhörer geht der »Überhang« unwiederbringlich verloren: Ein gesprochenes Wort lässt sich nicht zurückholen. Leser können zurücksetzen und noch mal nachsehen. Wie oft sie das tun, steht auf einem anderen Blatt.

Diese Erkenntnisse aus der Forschung beweisen, was große Denker und Literaten schon immer wussten:

Wer was zu sagen hat, hat keine Eile.
Er läßt sich Zeit und sagt’s in einer Zeile. Erich Kästner

Mitunter genügt ein Wort, um etwas in seiner ganzen Tiefe auszudrücken. Mit einem Satz lassen sich ganze Welten erschaffen. Und wenn ein Text aus vielen Sätzen besteht, öffnet sich dem Leser ein ganzer Kosmos. Umso wichtiger ist es, seine Aufmerksamkeitsspanne nicht auszureizen. Lassen Sie uns daher nun beleuchten, wie Sie Wörtern, Sätzen und Texten die Würze der Kürze verleihen.

Kurze Wörter

Überlange Wörter sind eine Qual für das Gehirn. Normalerweise lesen wir Worte nämlich auf einen Blick. Dazu scannt das Auge den Anfang und das Ende des Begriffs. Den vernetzten Nervenzellen in unserem Kopf genügt das, um bei vertrauten Begriffen den Sinn zu erkennen. Forscher der britischen Cambridge-Universität stellten fest: Stimmt der erste und letzte Buchstabe eines Wortes, kann das Gehirn in der Regel auch den Sinn verstehen. Im Grunde errät es die Bedeutung des Wortes aus dessen Umrissen, so wie wir auch aus Schattenbildern auf die Form schließen. Wissenschaftler bezeichnen dieses Phänomen als Pareidolie.

Was hat das mit unserem Thema »Fasse dich kurz« zu tun? Ganz einfach. Unser Gehirn kann nicht beliebig lange Wörter erraten. Schon der Romantiker Jean Paul stellte fest:

Je länger aber ein Wort, desto unanschaulicher. Jean Paul

Wörter, die besonders stark unsere Gefühle ansprechen, sind meist nur ein oder zwei Silben lang: Hass, Liebe, Glück, Geld, Gold, Erfolg, jetzt … Winston Churchill, immerhin Träger des Nobelpreises für Literatur, schrieb daher:

Die alten Wörter sind die besten und die kurzen die allerbesten. Winston Churchill

Masten absägen

Schopenhauer nannte dreisilbige Begriffe »Wortdreimaster«. Meist wirkt ein Wort mit einem oder zwei Silben stärker als ein längeres. Wählen Sie daher wann immer möglich das kürzere Wort. Jacob Grimm sah in kurzen Worten eine »bildhaften Bannkraft«.

Tiefe Wahrheiten zeigen sich dann am klarsten, wenn man ins Extreme geht. Dies lässt sich schön am österreichischen Wort des Jahres 2016 veranschaulichen:

Bundespräsidenten­stichwahl­wiederholungs­verschiebung

Haben Sie es bemerkt? Sie mussten sich wie ein ABC-Schütze Silbe für Silbe durch den 15-Master hangeln, um ihn zu verstehen. Von bildhafter Bannkraft keine Spur. Die Großbuchstaben erschweren das Lesen zusätzlich, weil das Auge keinen Fixationspunkt findet. Trotzdem finden es viele Grafiker ungemein schick, ihre Leser derart zu malträtieren.

Hauptwort-Ketten

Die deutsche Sprache leistet noch einer anderen Unsitte Vorschub: dem Aneinanderketten von Substantiven. Leisten wir uns wieder ein extremes Beispiel: die Donau­dampfschiffahrts­gesellschafts­kapitäns­kajüten­clubsessel­bezugsspinnmaschine. Derlei aufgetakelte 22-Master sind zwar im Textalltag kaum anzutreffen. Das andere Ideal – Wörter mit nur einer Silbe oder mit zweien – ist mitunter schwer zu erreichen. Mit ein wenig Texterhandwerk klappt’s oft aber doch.

Wörter richtig kürzen

Wie können Sie, frei nach Schopenhauer, Wortmasten absägen? Das hängt natürlich vom jeweiligen Wort ab. Im besten Fall finden Sie ein sinnverwandtes Wort mit weniger Silben. Statt »nichtsdestoweniger« geht auch »gleichwohl«. Allerdings sollte das Synonym den Sinn nicht verfälschen. Zwischen »erneuerungsbedürftig«, »baufällig« und »verfallen« gibt es feine Unterschiede, die es zu beachten gilt. Widerstehen Sie jedoch dem Drang, ein kürzeres Fremdwort zu wählen. Auch wenn ein Gehirn nicht »marode« ist, tut es sich mit dem Wort schwer.

In vielen Fällen blähen unnötige Silben das Wort auf. Warum müssen Sie etwas »aufzeigen«, wenn es sich auch »zeigen« lässt? Wieso sollte Ihr Erfolg »anwachsen«, wenn er auch »wachsen« kann? Streichen Sie solche Vorsilben ersatzlos, verbessern Sie den Lesefluss.

Für das nach Fixationspunkten lechzende Auge sind Bindestriche wie rettende Inseln im Buchstabenmeer. Texte fürs Internet profitieren besonders davon, weil das Lesen am Monitor ohnehin schwerer fällt. Statt des Sechsmasters »Computermonitor« schreiben Sie also einfach »Computer-Monitor«. Suchmaschinen nehmen diesen zusammengesetzten Begriff übrigens wie zwei Wörter wahr: Computer und Monitor. Mit dem Bindestrich lassen sich wichtige Keywords also auch für Google & Co. deutlicher hervorheben.

Fiat 500 mit Anhänger Zerteilen Sie zusammengesetzte Bandwurmwörter in Einzelbegriffe, denn die Silbenketten sind genauso unpassend wie ein Fiat 500 als Stretchlimo.
 

Ein weiterer Trick zum Kürzen ist das Zerschlagen von Wörtern. Wir koppeln also einzelne Waggons vom Silbenzug ab. Aus der »Bildungsministerin« machen wir also die »Ministerin für Bildung« oder aus der »Seevögelaufzuchtstation« die »Station zur Aufzucht von Seevögeln«. In diesem Fall entlastet der längere Text das Auge: Es findet mehr Punkte für die Fixation. Unterschätzen Sie nicht diesen Kniff. Er trägt wesentlich zu leichter lesbaren Texten bei.

Maximale Wortlänge

Fragt sich, wie viele Silben Sie Ihren Lesern zumuten können. Der Zwei-bis-drei-cm-Fokus des Auges setzt der Silbenzahl eine natürliche Grenze. Messen Sie mit einem Zentimetermaß doch einfach mal nach. Als Vorlage nehmen Sie einen Text in einer 12-Punkt-Schrift. Wie viele Silben zählen Sie? Im Styleguide der Agentur Phantagon gilt eine maximale Wortlänge von 5 Silben. Ausnahmen sind nur erlaubt, wenn es sich um Fachbegriffe oder Namen handelt, die sich nicht zerschlagen oder kürzen lassen.

Kurze Sätze

Lange Sätze verletzten das Sprachgefühl der meisten Leser. Trotzdem begegnen wir Ihnen, wo wir stehen und lesen. Der »Stilpapst« Ludwigs Reiners schreibt dazu:

Neben der Neigung zu allgemeinen Ausdrücken und zur Hauptwörterei ist der Hang zu den überlangen Sätzen das schlimmste Stillaster der Deutschen. Ludwigs Reiners, Stilfibel – Der sichere Weg zu gutem Deutsch

Beamte scheinen besonders anfällig für dieses »Stillaster«. In Teil 3 dieser Reihe haben wir deren Kanzleistil ja schon gebührend verteufelt. Dazu hier nun ein weiteres Extrembeispiel. Es stammt aus dem vorletzten Jahrhundert. Dazu ein Sicherheitshinweis: Steigen Sie aus dem Zitat aus, sobald Ihnen schwindlig wird. In einem Urteil formulierte das Reichsgericht den Begriff »Eisenbahnunternehmen« wie folgt:

Ein Eisenbahnunternehmen ist ein Unternehmen, gerichtet auf wiederholte Fortbewegung von Personen oder Sachen über nicht ganz unbedeutende Raumstrecken auf metallener Grundlage, welche durch ihre Konsistenz, Konstruktion und Glätte den Transport großer Gewichtsmassen, beziehungsweise die Erzielung einer verhältnismäßig bedeutenden Schnelligkeit der Transportbewegung zu ermöglichen bestimmt ist, und durch diese Eigenart in Verbindung mit den außerdem zur Erzeugung der Transportbewegung benutzten Naturkräften (Dampf, Elektricität, thierischer oder menschlicher Muskelthätigkeit, bei geneigter Ebene der Bahn auch schon der eigenen Schwere der Transportgefäße und deren Ladung, u. s. w.) bei dem Betriebe des Unternehmens auf derselben eine verhältnismäßig gewaltige (je nach den Umständen nur in bezweckter Weise nützliche, oder auch Menschenleben vernichtende und die menschliche Gesundheit verletzende) Wirkung zu erzeugen fähig ist. Reichsgericht (Urteil vom 17. März 1879; RGZ 1, 247, 252; hier entnommen aus der Wikipedia, »Kanzleistil«

Sind Sie noch da? Dann schnaufen Sie bitte kurz durch und lassen Sie mich das andere Extrem erwähnen: Bild. Man mag von dieser Tageszeitung halten, was man will, sie hat in Deutschland mehr Leser als jede andere Gazette. Sicher, Bild prägt und bedient den Geschmack der Masse. Die Schreiber der marktschreierischen Artikel setzen aber auch konsequent auf leicht lesbare Texte. Sieben Prozent der Sätze in dem Blatt haben nur vier Wörter oder weniger. Mit diesem Hinweis möchte ich keineswegs zum Kopieren des Bild-Stils auffordern. Dennoch zeigt das Beispiel, welche Kraft die auf Kürze getrimmte Sprache entfalten kann. Wie viele Bild-Leser kämen wohl mit dem Tod des Vergil von Hermann Broch zurecht, dessen Sätze im Durchschnitt 92 Wörter umfassen?

Maximale Satzlänge

Reiners empfiehlt, sich in einem Satz auf höchstens 15 bis 20 Wörter zu beschränken. Erinnern wir uns hier noch einmal an das Gegenwartsfenster unseres Bewusstseins: Bei 50 % aller Leser setzt das Textverständnis beim 14. Wort aus. Deshalb beträgt bei Phantagon die maximale Länge eines Satzes nur 14 Wörter. Falls möglich, sollte der Texter kürzere Sätze schreiben. Gelegentliche Überlängen von bis zu 20 Wörtern im Satz sind erlaubt. Allerdings sollten sich im Text kurze und längere Sätze abwechseln. Eine Ausnahme von der Regel bilden Aufzählungen. Dazu kommen wir noch.

Kampf dem Schachtelteufel

Meiden Sie auch viele Nebensätze. Vor allem an Schachtelsätzen beißen sich viele Leser die Zähne aus. Wir widmen dem Schachtelteufel mit Teil 11 dieser Serie eine eigene Stilregel. Hier nur so viel: Lange Einschübe machen es dem Leser fast unmöglich, den Sinn eines Satzes zu verstehen. Forschungen belegen: Einschübe von mehr als drei bis neun Wörter, werfen den Leser aus der Bahn. Weder will noch sollte er sich im Gestrüpp von Nebensätzen verheddern.

Kein Treppenwitz

Ebenso quält sich der Leser durch Treppen- oder Kettensätze. Das sind endlos aneinandergefügte Nebensätze. Bilden Sie deshalb bevorzugt Hauptsätze. Folgendes Beispiel zeigt, wie das geht:

Nebensatzform: Der Leser, der bis hier durchgehalten hat, verdient ein Lob.

Entschachtelte Form: Hat der Leser bis hier durchgehalten, verdient er ein Lob.

Hauptsatzform: Bis hier hat der Leser durchgehalten. Dafür verdient er ein Lob.

Oder: Hat der Leser bis hier durchgehalten? Dann verdient er dafür ein Lob.

Das letzte Beispiel zeigt: Formulieren Sie ruhig neu. Vermitteln Sie den Sinn. Manchmal helfen dabei auch Satzzeichen wie hier das Fragezeichen. Nutzen Sie ruhig auch häufiger den Doppelpunkt, um aus Ihren Satzgebilden den Schachtelteufel auszutreiben:

Schachtelform: Ich habe den Satzbau genau untersucht und finde, dass die Verschachtelungen leicht zu entflechten sind.

Entschachtelte Form: Ich habe den Satzbau genau untersucht: Die Verschachtelungen sind leicht zu entflechten.

Wie Sie sehen, ist das Entflechten verschlungener Sätze gar nicht so schwer. Es birgt allerdings eine Gefahr.

Hauptsachen in Hauptsätze

Vermeiden Sie den Stakkato- oder Asthmastil, in dem ein kurzer Hauptsatz dem nächsten folgt. Grundsätzlich gehört Wichtiges nämlich durchaus in einen Hauptsatz. Doch erst ein dynamischer Wechsel zwischen mäßig langen und mäßig kurzen Sätzen belebt den Text. Dann dürfen auch hin und wieder unter- oder beigeordnete Aussagen in Nebensätze einfließen.

Abwechslung gefragt

Ein natürlich wirkender Text ist ein variabler Text. Dies betrifft nicht nur die Satzlänge, sondern auch die Form der Sätze. Verketten Sie daher möglichst keine gleichartigen Nebensätze wie in diesem Beispiel:

Es ist unbedingt zu vermeiden, Sätze mit erweitertem Infinitiv aneinanderzureihen, denn immer wieder dieselben Satzformen zu verketten, heißt die Geduld der Leser über die Maßen zu strapazieren.

Mit ein wenig Abwechslung in den Satzformen und behutsam entflochten liest sich die Warnung gleich viel flüssiger:

Eins sollten Sie unbedingt vermeiden: Reihen Sie keine Sätze mit erweitertem Infinitiv aneinander. Denn verketten Sie immer wieder dieselben Satzformen, strapazieren Sie die Geduld der Leser über die Maßen.

Diese Regel gilt natürlich für alle gleichartigen Satzformen vom Bezugssatz (Relativsatz) bis zum Zeitsatz (Temporalsatz).

Stilmittel gegen die dass-Sucht

Besonders lästig ist ein lange Karawane von Dass-Sätzen. Um der verbreiteten Dass-Sucht etwas entgegenzusetzen, habe ich meinen Roman Pala und die seltsame Verflüchtigung der Worte ganz ohne »dass« verfasst. Nur in einem Zitat musste ich es zweimal benutzen:

Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß! Kinder und Hausmärchen, »Rumpelstilzchen« (Nr. 55); Jacob und Wilhelm Grimm

Das Beispiel zeigt anschaulich: Für jede Regel gibt es eine Ausnahme. Die Gebrüder Grimm haben mit ihrem Reim das stilistisch unschöne Doppel-dass stilsicher entgratet. Setzten Sie lieber nicht auf die Hoffnung, einen solchen Klassiker zu Papier zu bringen. Häufen Sie lieber keine dass-Sätze an. Poesie ist im Alltag selten gefragt. Deshalb genügt hier ein schlichtes:

Ach wie gut: Niemand kennt meinen Namen Rumpelstilzchen!

Die überflüssigste Form der Dass-Sucht lässt sich am leichtesten tilgen. Es sind die sogenannten Vorreiter:

Oft lassen sich die Vorreiter ersatzlos tilgen oder durch Umstandswörter wie »anscheinend« oder »bekanntlich« ersetzen:

Vermeiden Sie auch Sätze, die mit dem »Dass« beginnen. Hier ein besonders widerwärtiges Exemplar in Schachtelform:

Dass das Dass, das das Eszett verwendete, heute mit Doppel-s geschrieben wird, macht den Text auch nicht schöner.

Die stilistisch entgratete Variante liest sich so:

Einst verwendete das Dass ein Eszett. Heute schreibt man es mit Doppel-s. Das macht den Text auch nicht schöner.

Strukturhilfen

Manchmal gehören bestimmte Aussagen in einen einzigen Satz. Nur so kann er seine volle Wirkung entfalten. In diesem Fall bietet uns die deutsche Sprache »Strukturhilfen«: das Semikolon, den Gedankenstrich und den Doppelpunkt. Mit dem Gedankenstrich etwa lassen sich ergänzende oder vertiefende Angaben wunderbar einschalten. Vermeiden Sie jedoch Einschübe von mehr als drei bis neun Wörtern.

Aufzählungen verdaulicher machen

Öfters ist eine Satzaussage an sich kurz. Erst eine Aufzählung verwandelt sie in ein wortreiches Monstrum. Setzten Sie solche Listen ans Ende des Satzes. Dann tut sich das Gehirn damit leichter. Also nicht …

Kinder lieben es vor allem, Kaninchen, Lämmer und Kätzchen zu streicheln.

Oder:
Kaninchen, Lämmer und Kätzchen streicheln Kinder am liebsten.

Sondern:
Kinder streicheln am liebsten Kaninchen, Lämmer und Kätzchen.

Mit den zum Schluss aufgezählten Tiernamen kommt der Leser am leichtesten zurecht. Und sollte ihn die Liste langweilen, kann er zum nächsten FixationsPunkt springen und versteht trotzdem den Sinn des Satzes. Für Aufzählungen auf Webseiten empfehlen sich übrigens Listen mit Bulletpoints:

Kinder streicheln am liebsten:
• Kaninchen
• Lämmer
• Kätzchen

Auch Google honoriert übrigens diese übersichtliche und kurze Form der Informationsvermittlung durch ein besseres Ranking in den Suchergebnissen.

Kurze Texte

Beginnen Sie Ihren Text möglichst mit einem kurzen Satz. In Zeiten des Internets ist das nicht immer ganz leicht: Google gewichtet Suchbegriffe (Keywords) im ersten Satz nach der Hauptüberschrift stärker als später im Text. Aber was nützen die Bonuspunkte bei Google, wenn der Leser schon beim ersten Satz gähnt?

Julius Cäsar begann im Jahre 47 v. Chr. einen Brief mit den Worten: »Veni, vidi, vici - ich kam, ich sah, ich siegte.« Was für ein Anfang! Bis heute benutzen wir das geflügelte Wort. Verschaffen Sie auch Ihrem Text gleich von Beginn einen starken Auftritt. Folgende Stilmittel eignen sich für den Textanfang:

Essenz

Eine gut eingekochte Soße schmeckt besonders aromatisch. Servieren Sie Ihren Lesern keine dünne Wortplörre. Gerade bei PR-Artikeln, Nachrichten und anderen journalistischen Texten sollte Sie das Wichtigste stets zuerst erwähnen. Widerstehen Sie der Versuchung, die W-Fragen – Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum? Woher/welche Quelle? – alle in einem Satz zu beantworten.

Ellipse

Das aus dem Griechischen stammende Wort Ellipse bedeutet so viel wie »Mangel« oder »Auslassung«. Beim Texten beschreibt es den bewussten Verzicht auf ein grammatikalisch eigentlich notwendiges Wort. Derart verkürzte Gebilde verstärken die Aussage. Sie wecken die Neugier oder erregen die Aufmerksamkeit des Lesers. Ein schlichtes »Willkommen!« wirkt oftmals stärker als ein wortreiches »Wir heißen Sie auf der Webseite von XYZ willkommen.« Und warum sollten Sie texten »Das müssen Sie unbedingt lesen!«, wenn auch ein kurzes »Aufgepasst!« genügt? Viele Redewendungen wie »Ende gut, alles gut« sind Ellipsen.

Manchmal ist weniger eben mehr.

Noch kurz erwähnt

Im bisher längsten Teil unserer Serie über stilsicheres Texten ging es um die Regel »Fasse dich kurz!« Was sagt uns das? Kurze Wörter, Sätze und Texte zu schreiben ist schwerer, als man denkt. Doch als Trost sei Ihnen gesagt, die wichtigste Hilfe beim Anwenden des 4. Stilgebots lautet: Man muss nur daran denken. Üben Sie das Kürzen daher am besten täglich beim Schreiben und Sprechen. Je bewusster Sie darauf achten, desto leichter wird es Ihnen fallen.

Im Teil 6 der Serie geht es um die Leideform. Was das ist? Lesen Sie es!

5. Stilgebot

Überblick