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Feb 18. ’1314.00 Uhr

Lektoren – verflucht und gepriesen

Warum die literarische Welt Lektoren braucht

Böse Zungen behaupten, Lektoren seien Menschen, die selbst gerne Schriftsteller wären, es aber nie zum eigenen Buch geschafft hätten. Deshalb ließen sie ihren Frust an den Manuskripten anderer Autoren aus, die besser seien als sie. Gerne verweist der Lästerer auf die Ähnlichkeit des lateinischen lector mit dem französischen lécheur, was »Speichellecker« oder »wollüstiges Leckermaul« bedeutet. Eine andere Legende erzählt, der Serienmörder Hannibal Lecter aus Thomas Harris' Bestseller Das Schweigen der Lämmer sei ein verkappter Seitenhieb gegen Verlagslektoren. Der Lektor massakriert unschuldige Texte – was für ein Symbol! Gibt es einen wahren Kern hinter diesen Geschichten?

Kurt Tucholsky hat uns möglicherweise einen nützlichen Hinweis gegeben. Er wirft zu Beginn seines Essays »Eitelkeit der Kaufleute« (1928) ein Schlaglicht auf die Künstlerseele: »Musiker sind nicht eitel – sie bestehen aus Eitelkeit; die Eitelkeit ist ein lebensnotwendiger Bestandteil ihres Wesens. Wären sie nicht eitel, sie wären nicht. Schriftsteller sind verkappt eitel [...]«. Das ist aufschlussreich. Wer sich im eig'nen Schaffen gern bespiegelt, kann die Kritik daran nur schwer ertragen. Lektoren tun genau das: Sie tun Autoren weh. Sie legen ihre Finger in offene Wunden. Als ich bei einem meiner ersten Romane sah, was ich auf Vorschlag des Lektors alles hätte ändern sollen, rief ich verzweifelt: »Ich höre mit dem Schreiben auf!« Mittlerweile sind es fast vierzig Bücher geworden – den Lektoren sei Dank.

Tatsache ist: Ein Schriftsteller muss die Kritik seines Lektors ertragen lernen. Nur dann wird er sich weiterentwickeln. Er sollte seine Eitelkeit hinunterschlucken und an seinen Text denken. Den gilt es, zu verbessern. Auch Literaten sind nämlich betriebsblind. Eigentlich sollte man sagen: textblind. Sie sehen oft die eigenen Fehler nicht. Ich erlebe das immer wieder: Du schickst dem Lektor dein Manuskript, nachdem du es mehrmals überarbeitet und vermeintlich alle Schnitzer ausgemerzt hast. Mit dem Abstand von einigen Wochen liest du deinen Text ein weiteres Mal und dir stehen sämtliche Haare zu Berge. Was für ungelenke Formulierungen! Und du vermisst du plötzlich ganze Wörter. Wie kommt das? Nun, in meinem Sinn klaffen keine Lücken. Er ist der Hüter der Geschichte. Im Hort des Geistes ist sie vollkommen. Lese ich einen frisch verfassten Text, bügelt das Gehirn ihn einfach glatt. Das geschieht unbewusst. Wie gut, wenn ihn nach mir ein zweites Augenpaar unter die Lupe nimmt. Jemand mit innerer Distanz zum Text. Ein neugieriger Erstleser. Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass besteht im Steidl Verlag sogar auf zwei Lektoren.

Resümee

Die Welt der Bücher braucht Lektoren. Schriftsteller sind naturgemäß in ihre Worte verliebt. Das müssen sie. Sonst entstünden Texte ohne Herzblut. Wer beim ersten Wurf seine Gefühle zurückhält, kann später beim Leser keine Gefühle wecken – bestenfalls Langeweile oder Ärger über vergeudete Zeit. Der Nachteil: Das Frühlingserwachen des Künstlers führt leicht zu Wildwuchs.

Die Schere des Lektors schneidet das Wortdickicht dann auf ein ansprechendes Maß zurück. Manche gehen dabei zu weit. In jedem Beruf gibt es schwarze Schafe. Die Hannibal Lecters, die unschuldige Texte massakrieren, sind zum Glück selten. Gute Manuskripte, gleich welcher Gattung, brauchen gute Lektoren. Verlage, die ihre Bücher nicht lektorieren, sind wie Chirurgen, die ihre Patienten nach dem Eingriff nicht zunähen.

Der Schriftsteller sollte auf einen hervorragenden Lektor bestehen. Nur so kann er das verborgene Potenzial seines Textes freisetzen. Sich von einem Lektor helfen zu lassen, ist ein Zeichen von Stärke. Wer unbedingt sein Ego aufpolieren muss, der sollte es mit einem Meisterwerk, nicht mit Stückwerk tun.

Ralf Isau

Wir von Phantagon schlüpfen für Sie gerne in die Rolle des Lektors, um aus Ihrem Rohdiamanten einen Brillanten zu machen. Welche Gründe gibt es, sich der Dienste eines Lektors zu versichern, ehe man sein Manuskript an einen Verlag schickt? Die Antwort finden Sie ...

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Lektoren sind Vor-Leser

Der Vorleser

Lektoren (lat. »Vorleser«) lesen ein Buch lange vor den anderen und weisen erbarmungslos auf seine Schwächen hin. Einige Schriftsteller sehen den Lektor deshalb nicht so freundlich, wie ihn diese Bronzeskulptur im Ludwigsburger Märchengarten darstellt (Foto: © Ralf Isau).

Nobelpreis für Lektoren

Die Mär vom gescheiterten Literaten, der sich als Lektor verdingt, mag auf Einzelfälle zutreffen. Viel eindrucksvoller ist dagegen, die lange Liste großer Schriftsteller, die irgendwann als Lektor gearbeitet haben. Ein frühes Beispiel ist Erasmus von Rotterdam, der im 15. Jahrhundert zahlreiche Bücher und Schriften verfasst hat. Im 18. Jahrhundert erwartete man diese Doppelrolle von einem Lektor geradezu. Unter den namhaften Autoren jüngerer Zeit, die an diese Tradition anknüpften, befinden sich sogar Gewinner des Nobelpreises. Hier eine kleine Auswahl: