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Jun 08. ’2011.00 Uhr

9. Stilgebot für guten Text: 
Verwende nur wenige Adjektive.

Ein treffendes Verb oder Hauptwort ist meistens besser.

Wir leben in einem Zeitalter der Übertreibungen. Da plärrt ein »mega« Hit aus dem Radio, der »geile« Künstler hat eine »super« Show abgeliefert, »total cool« performt und überhaupt ist alles »sehr schön«. Weil das einfache Sehen, Hören und Erleben heute nicht mehr genügt, pimpen wir es auf mit Eigenschaftswörtern (Adjektive). Am liebsten sogar mit Superlativen, also mit der höchsten Form der Steigerung. Da gibts dann den »leckersten« Burger bei Patty King, die »beste« Musik im Radio oder die »höchste Qualität« an der Ladentheke, und das Ganze soll in »keinster Weise« langweilig sein. Aber wie glaubwürdig klingt das? Tippen Sie mal »beste Qualität« im Suchschlitz von Google ein. Die Zahl der Treffer sollte Ihnen zu denken geben.

Neidsprache ist schwachem Sprache

Auch der Komparativ, also die erste Steigerungsstufe, weckt bei Lesern bereits Argwohn. Ist das Jogurt wirklich »reicher« an Vitamin C als seine Konkurrenten? Kann das neue Klopapier der Marke Flauschibär wirklich noch »besser« sein als seine Vorgänger der letzten 1.000 Jahre? Die Vergleichsstufe bringt Konkurrenz in den den Tonfall. Solche Neidsprache verrät oft eine Schwäche des Texters oder Sprechers, aber keine Stärke. Besser, Sie verzichten darauf und beschreiben mit dynamischen Verben und präzisen Hauptwörtern, aus welchem Grund etwas schöner, gesünder oder besser ist.

Ach übrigens: Es gibt Adjektive, die sich überhaupt nicht steigern lassen. Die Leiche im Krimi kann nicht »toter« werden, als sie ohnehin schon ist (zu Tautologien kommen wir später). Auch ist eine werdende Mutter kurz vor der Geburt nicht »schwangerer« als kurz nach der Empfängnis. So mancher lässt sich aber von dem Versuch hinreißen, etwas noch »eindeutiger« zu beschreiben – obwohl das Nonsens ist. Man macht eine Banknote nicht »echter«, indem man sie zehnmal prüft.

Viele unsteigerbare Eigenschaftswörter erkennen Sie an der Endsilbe »-los«. Statt »obdachlos« könnten Sie auch »ohne Obdach« texten. Weniger als »ohne« gibt es nicht. Wer »hirnlos« textet oder spricht, braucht zumindest das Absterben seiner Gehirnzellen nach dem Vollrausch nicht mehr zu fürchten. Aber ob das ein Vorteil ist …?

Zwischenresümee

Einen Text mit banalen Adjektiven aufzuhübschen, ist eine Stilsünde, der Sie unbedingt widerstehen sollten. Solche Wörter beschreiben das Subjekt oder Objekt eines Satzes nicht, sie verwässern die Aussage nur.

Vermeiden Sie beim Texten
Eigenschaftswörter ohne Eigenschaft.


Wörtlich übersetzt bedeutet der aus dem Lateinischen stammende Fachbegriff Adjektiv so viel wie »das Drangeworfene«. Eigenschaftswörter zu benutzen ist nicht falsch, gelegentlich sinnvoll und manchmal sogar unerlässlich. Wie viele hätten begeistert zu dem Roman Der Mohikaner gegriffen? Oder wie viele Zuschauer wären für den Film Der Tango in Paris in die Kinos gegangen? Müßig darüber zu spekulieren. Die Autoren dieser Werke hatten ihren Titeln das Adjektiv »letzte« hinzugefügt. Und sie erlangten Weltruhm.

Wie bei allen Stilregeln ist also auch beim 9. Stilgebot Feingefühl notwendig. Was Sie an Ihre Haupt- und Tätigkeitswörter »dranwerfen« muss gut überlegt sein. Der Journalist Wolf Schneider empfiehlt zwei Drittel aller Adjektive als Füllwörter einzustufen und zu streichen. Ganz so einfach ist es aber nicht. Wenden wir uns nach dem Einstieg über die gesteigerten Eigenschaftswörter nun einigen anderen schrillen Stilblüten zu. Zu nennen wären da als Nächstes die …

Edelfüllsel

Jede Gruppe von Schreibern und Sprechern hat ihre bevorzugten »Edelfüllsel«. Diese Eigenschaftswörter klingen gebildet und wichtig, obwohl ihr Gebrauch eher dumm und überflüssig ist.

So stopfen Sonntagsredner ihre Texte »wohlweislich und geflissentlich mit eklatanten, vorrangig zukunftsweisenden« Worthülsen. Soziologen verraten sich dadurch, dass sie so vieles in der Welt »hierarchisch, rollenspezifisch, sensibilisiert und unhinterfragt« wahrnehmen. Und für Politiker ist ohnehin alles entweder »alternativlos« oder zumindest »diskussionswürdig«. Solche Eigenschaftswörter machen Texte schwammig – eigentlich sollten wir sie »Schwammwörter« nennen. Sie stellen die Geduld jedes Lesers auf eine harte Probe. Da die Aufmerksamkeitsspanne vieler Zeitgenossen nur wenige Sekunden umfasst, sollten Sie sich bei jedem Adjektiv überlegen, ob es unbedingt nötig ist oder Sie es nicht besser durch ein Tätigkeitswort (Verb) ersetzen können.

Besser ein treffendes Verb statt einem schwammigen Adjektiv

Mit einem treffenden Verb lässt sich so manches Geschehen sogar präziser ausdrücken als mit einem Allerweltsadjektiv. Zugleich halten wir uns ans 3. Stilgebot »Bleibe stets anschaulich und konkret.«, wenn der Feldwebel seine Befehle nicht einfach »laut ruft«, sondern »brüllt«. Schauen wir uns einmal an, wie wir mit Verben präziser und zugleich dynamischer texten können als mit flauen Adjektiven. In den folgenden drei Beispielpaaren habe ich bewusst immer dasselbe Eigenschaftswort »schnell« benutzt und ihm ein präzises Verb gegenübergestellt:

Adjektivisch flau:

Verbal anschaulich und dynamisch:

Achten Sie im Alltag beim Sprechen oder Schreiben einmal darauf, wie oft sie zum faden Eigenschaftswort greifen, wenn doch ein saftiges Verb viel besser passen würde. Statt »schwer heben« können Sie auch »wuchten« und »hieven«. Oder statt »schwer zu arbeiten« schlicht »malochen« oder »schuften«. Na ja, und das »lange Lesen« eines »dicken Buches« macht viel mehr Spaß, wenn Sie »den Wälzer schmökern«.

Anschauliche Nomen statt farbloser Eigenschaften

Manchmal lässt ein passendes Hauptwort vor dem inneren Auge eines Zuhörers oder Lesers ein lebendigeres Bild entstehen als ein farbloses Adjektiv. Auch dazu drei Beispielpaare:

Adjektivisch

Nominal

Wenn Sie Haupt- statt Eigenschaftswörter verwenden, denken Sie bitte an die Stilregel 8 »Meide die Hauptwörterei.« Gerade die Substantive sind eine Wortart, die mit Feingefühl eingesetzt sein wollen.

Der gegrillte Wurstverkäufer

Übrigens: Steht ein Adjektiv vor einem zusammengesetzten Hauptwort, dann bezieht es sich immer auf den zweiten Teil des Substantivs. »Der gegrillte Wurstverkäufer« weckt also nicht von ungefähr Befremden – es sei denn, Ihre Zielgruppe besteht aus Kannibalen. Besser sie schreiben über einen »Verkäufer für gegrillte Wurst« oder – wenn es denn partout zusammengesetzt sein muss – vom »Grillwurstverkäufer«.

Solche Sprachverrenkungen unterlaufen einem schnell einmal, weil das Hirn immer schneller denkt, als die Hand schreibt oder die Zunge spricht. Ehe Sie also die »künstliche Intelligenzforschung« über den grünen Klee loben, halten Sie kurz inne und fragen sich: »Wie intelligent stehe ich eigentlich da, wenn ich die ›künstliche Forschung‹ rühme? Sollte ich da nicht lieber der ›Forschung in der künstlichen Intelligenz‹ das Wort reden?« Wenn Sie allerdings lediglich »staatliche Almosenempfänger« und »rostfreie Stahlverkäufer« beeindrucken wollen, dann mag solcher Widersinn genügen. Für die »Empfänger staatlicher Hilfen« und »Nirostaverkäufer« müssen Sie sich schon was Besseres einfallen lassen.

Weiße Schimmel und andere Tautologien

Haben Sie an einem Gebäude schon einmal ein Schild mit der Aufschrift »Neu renoviert« gesehen? Das war dann eine der gar nicht so seltenen Tautologien, die ihr Schattendasein einem Adjektiv verdanken. Das lateinische re-novare bedeutet nämlich bereits so viel wie »erneuern« oder »wiederherstellen«. – also ist »neu erneuern« doppelt gemoppelt. Solche Stilblüten nennt man auch »Pleonasmen«. Gemeint sind Fügungen, die einen Sachverhalt doppelt beschreiben. Am bekanntesten ist hier der »weiße Schimmel«.

Ebenso skurril sind »seltene Raritäten«, »lautes Schrillen« und – bei Managern sehr beliebt – »situative Gegebenheiten«. In der Corona-Krise hat der Zoo der Pleonasmen Zuwachs bekommen: Jetzt gibt es dort auch die »grassierende Pandemie«. Solchen Wiederholungstätern sollten Sie das Handwerk legen.

Extrawurst für die Rhetorik

Nicht jeder Pleonasmus ist eine sprachliche Entgleisung. Manche Doppelungen dienen im Gegenteil sogar als rhetorisches Stilmittel, um einen Sachverhalt zu verstärken. Schreibt der Autor »Die Räuber ließen ihn nackt und bloß zurück.«, dann haben die Schurken ihr Opfer bis auf die Unterhose gefleddert und überlassen es hilflos ihrem Schicksal. Es ergibt also durchaus einen Sinn, die Naschkatze »still und leise« aus der Küche schleichen zu lassen.

Falsche Adjektive und Hauptwort-Zombies

Es gibt saft- und kraftlose Hauptwörter, deren ganzer Zweck darin besteht, ein falsches Adjektiv zu stützen. Mit »falsch« meine ich in diesem Fall Eigenschaftswörter, die ursprünglich als Hauptwörter das Licht der Welt erblickt haben. Dann aber kam ein Schreiberling und verzaubert sie in Adjektive. Weil aber zu jeder Eigenschaft ein Ding gehört, zieht der Zauberlehrling schnell eine böse Brut aus seinem Hut: die Hauptwort-Zombies.

Das sind Substantive, die man besser begraben solle. Überall treiben sie ihr Unwesen. Die ganze Stützkonstruktion bläht sich dann zu einem Papiertiger auf: aufgebläht und saftlos. Als Beispiel sollen uns wieder die Substantive dienen, die Sie bereits von unserem 8. Stilgebot wider die Hauptwörterei kennen. Ich habe die Zombies wieder fett markiert und sie weiter unten mit der Kraft des guten Stils entzaubert:

Mit Stützkonstruktion

Ohne Stützkonstruktion

Wenn wir auf solche Stützkonstruktionen verzichten, verschlanken wir unsere Sätze. Wir verwenden gewichtige Worte zur Freude von Lesern und Zuhörern.

Neologismen, die die Welt nicht braucht

Enge Verwandte der Hauptwort-Zombies sind die verzweifelten Neologismen. Sie haben bestimmt auch schon einmal ein neues Wort erfunden? Wir alle tun das irgendwann, etwa wenn wir unserem Schatz einen Kosenamen geben wie »Pusemuckel« oder »Kuschelwuschel«. Übrigens verdankt auch die Agentur Phantagon ihren Namen einer Wortschöpfung (mehr dazu in der »Phantagon-Story«). Gehen solche Neuwörter in den allgemeinen Sprachgebrauch über, spricht man auch von Neologismen. Der Duden-Redaktion auf diese Weise ein Schnippchen zu schlagen ist durchaus erlaubt – Sprache entwickelt sich ständig weiter.

Beim Lesen von Gedichten oder Romanen werden Sie vermutlich oft auf Wörter stoßen, die sich der Verfasser (nur) ausgedacht hat, darunter auch viele Adjektive. Manche Autoren erschaffen damit eine bestimmte Stimmung, etwa wenn sie von den »taugeschwängerten Hängen des Hermon« sprechen. Die Feder des Meisters vermag so die Fantasie der Leser zu beflügeln. Leider gelingt das nur selten, ohne das Publikum zu ermüden. Eher droht die Gefahr, sich mit einem bemühten Neologismus zu blamieren.

Wie schon bei den »falschen Adjektiven« opfert der Texter für seine Wortschöpfung oft ein stolzes Hauptwort, um es in ein schlechtes Eigenschaftswort zu verwandeln. Er spricht von »intergouvernementalen Kooperationen« statt von der »Zusammenarbeit zwischen Regierungen«. Der Datenschutzbeauftragte verlangt »informationelle Selbstbestimmung« und meint die »Freiheit über die eigenen Daten zu bestimmen«. Der Professor doziert über den »dialektalen Sprachgebrauch«, wiewohl »im Dialekt sprechen« viel verständlicher wäre. Und der Vorstandsvorsitzende lobt die »technologische Exklusivität« seines Unternehmens, obwohl er »exklusiver Technologie« meint.

»Wortmüll in Zuckerwatte«, nennt der Journalist und Publizist Wolf Schneider dergleichen. Sie bekommen diese verbalen Dickmacher massenhaft auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, also bei Menschen, die sich für sprachgewandt halten und/oder die sich gern reden hören. Mein Tipp: Meiden Sie »falsche Adjektive«.

Internationales Kauderwelsch

Eine kleine, unfeine Gruppe von Eigenschaftswörtern treibt ihr Unwesen auf der politischen Weltkarte. Sie entstammt den Ländernamen, die Journalisten und Verfasser von PR-Artikeln mit Vorliebe in Adjektive verbiegen. Da berichtet die Tageszeitung neues deutschland dann über die »bundesrepublikanische Kanzlerin« (24.9.2013) oder Der Spiegel über die »monegassische Dynastie« (46/2011, S. 173). Klingt »Kanzlerin der Bundesrepublik« oder »Monacos Fürstenhaus« für die Redakteure zu wenig intellektuell?

Reden die Kollegen von der Presse tatsächlich so? Muss wohl so sein. Andernfalls verstießen sie ja gegen das 2. Stilregel »Schreibe, wie du sprichst«. Allerdings meint das Stilgebot die Zielgruppe, an die sich ein Text richtet, nicht den Texter. Lassen Sie sich von dem internationalen Kauderwelsch nicht anstecken. Damit will ich nicht sagen, Sie dürften nie wieder von »deutscher Wertarbeit« sprechen und müssten fortan »Qualität aus Deutschland« texten. Gegen eingängige Adjektive aus Städte- oder Ländernamen ist wenig einzuwenden, wenn man sie in Maßen gebraucht statt in Massen.

Zur Vorsicht rate ich jedoch bei Eigenschaftswörtern, die auf »-eisch« enden. Wer »guineische« Fußballer als Geheimtipp verkauft, stößt womöglich auf Unverständnis. Bei Sportlern aus »Guinea« dagegen fällt einigen vielleicht noch Pablo Thiram ein, der beim FC Bayern spielte. Und wenn Sie auf Ihrer Website den neuen »nachhaltigen guatemaltekischen Kaffee« anpreisen, brauchen Sie sich nicht über den schleppenden Absatz zu wundern. »Biokaffee aus Guinea« dürfte sich deutlich besser verkaufen.

Mistverständnisse

»Bleibe stets anschaulich und konkret«, rät uns das 3. Stilgebot. Denken Sie daran, wenn Sie ein Eigenschaftswort für unentbehrlich halten! Etliche Adjektive sind mehrdeutig. Wenn Sie damit gedankenlos auf Ihre Leser zielen, könnte der Schuss nach hinten losgehen und einen seltsamen Beigeschmack hinterlassen. Oder Schlimmeres.

Nehmen Sie nur das Wort »kindlich«. Es kann sich auf die ersten Lebensjahre vor der Pubertät beziehen. Zugleich könnte es aber auch auf ein kindisches Verhalten oder gar auf einen unterentwickelten Geist hindeuten. Würden Leute in einem Text von »kindlichem Missbrauch« lesen, könnte also der Eindruck entstehen, der Autor würde einen sexuellen Übergriff auf Minderjährige als Ungeschicklichkeit eines naiven Menschen darstellen. Dabei geht es in dem Text um »Pädophilie« im Allgemeinen und »den Missbrauch an einem Kind« im Besonderen.

Alles, was recht ist

Ist bei Ihnen der Eindruck entstanden, Adjektive seien Bäh-Wörter, die man am besten nicht in den Mund nimmt? Dann möchte ich jetzt eine Lanze für die Eigenschaftswörter brechen. Sie haben ihren Platz, wo sie dem Leser oder Zuhörer helfen, Dinge zu unterscheiden. Was bliebe ohne Adjektiv von dem Satz auf unserem Foto oben? »Keine Angst vor der Katz.« Das würde den Sinn auf den Kopf stellen. Es geht in diesem Post nicht um Ailurophobie, die krankhafte Angst vor Katzen. Es geht darum, Ihnen die Unsicherheit im Umgang mit Eigenschaftswörtern zu nehmen. Das Wort »SCHWARZ« zu fürchten wäre genauso irrational wie der Aberglaube, man dürfe nie den Weg einer schwarzen Katze kreuzen, um sich nicht ins Unglück zu stürzen.

Wenn Ihre Frau, Sie vor dem Dinner per WhatsApp fragt »Soll ich das rote Kleid anziehen?«, dann wissen Sie, das kleine Schwarze bleibt heute Abend im Schrank.

Auch um zu werten, sind Adjektive willkommen. Als der Deutschlandfunk auf seiner Website über die »rauchig-röhrende Stimme« von Inga Rumpf und ihrer Band Atlantis berichtete, konnten die Leser förmlich hören, was gemeint war. Stilistisch noch ausgefeilter wäre ein Hauptwort, das die Eigenschaft der Frontfrau gleich in sich trägt. »Die Rockröhre« vielleicht? Oder »das Nebelhorn von Atlantis«? Versuchen Sie doch einmal, ein treffendes Substantiv zu finden.

Wenn ein Eigenschaftswort scheinbar nicht zu einem Kontext passt, kann gerade die dadurch erzeugte Spannung zu erhellenden oder humorvollen Einsichten führen, etwa wenn »der Fürst huldvoll die Zähne fletscht« oder sich die Diskutanten zu einer »gepflegten Schlägerei hinter dem Gasthaus treffen«. Besonders in literarischen Texten, aber durchaus auch im Blog oder in einem Social-Media-Post können solche schrägen Paarungen aus Adjektiv und Substantiv Frische in einen Text bringen.

Sie prägen sich dem Leser auch besser ein. Denken Sie nur an den Zungenbrecher »Die Katze tritt die Treppe krumm.« Neben den gleichen Anlauten »tr« – Alliteration genannt – verstärkt auch die Vorstellung einer von einem Kätzchen kummgetretenen Treppe das Merkvermögen. »Die Katze zeichnet verantwortlich für eine Krümmung der Treppe« indes dürfte nur Beamte und Juristen begeistern.

Und dann sei noch einmal an die spontan gebildeten Eigenschaftswörter erinnert, die sich aus anderen Wörtern zusammen setzen. Es muss ja kein »nachtigallenheller« Gesang sein. Wenn Sie dieses Stilmittel sparsam einsetzen, können Sie einen Text damit perlen lassen wie Champagner.

Fazit

»Das treffende, überraschende Adjektiv zu setzen ist die eine Kunst«, schreibt Wolf Schneider in seiner Stilkunde Deutsch für Kenner, und fügt hinzu: »Die andere ist die, auf Adjektive gänzlich zu verzichten.« So weit möchte ich nicht gehen. Der Reichtum der deutschen Sprache, aus dem Dichterfürsten wie Goethe und Schiller geschöpft und den sie zugleich vergrößert haben, wäre ohne Eigenschaftswörter ein gutes Stück kleiner. Bei Rainer Maria Rilke finden wir »abendblasse Scheiben«, die Tür spricht »angelheiser« und auch die »mandelschmale« Jungfrauenhand wirft unseren inneren Filmprojektor an. Ein Adjektiv sollte nur nie dazu missbraucht werden, Schwächen zu kaschieren. In seiner amerikanischen Stillehre schreibt der US-Autor E. B. White:

Das Adjektiv ist noch nicht geschaffen, das ein schlappes oder ungenaues Hauptwort aus der Klemme zieht.

Für jeden Text ist es der GAU, der größte anzunehmende Unsinn, verallgemeinernde Eigenschaftswörter mit schlappen Hauptwörtern zu kombinieren. Kaum minder absurd und überflüssig sind Eigenschaftswörter, die statt Fülle nur Füllstoff liefern. Wo sie nicht zwingend notwendig sind, da sind sie falsch. Meiden Sie daher Adjektive, die Tiefgang nur vortäuschen. Selbst die farbenfrohen Vertreter der Zunft geraten leicht zur Lachnummer, wenn sie gleich im Rudel auftreten wie in diesem Text:

Der mäandernde Fluss wälzte sich wie ein urzeitlicher Lindwurm durch das von sonnendurchflutetem Nebel erfüllte Tal, seinem fernen Ziel entgegen: den unendlichen Weiten des ewig blauen Ozeans.

Verdrängen Sie die Vorstellung, vor jedem Hauptwort gähne eine Lücke, in die Sie ein Adjektiv stopfen müssten. Das mag wie oben bisweilen poetisch klingen, überanstrengt aber die meisten Leser schon nach wenigen Sätzen. Bleiben Sie bei einer lebendigen Umgangssprache (siehe 2. Stilgebot). Verwenden Sie nur wenige Adjektive.


Im letzten Teil dieser Reihe wollen wir uns mit einem weiteren Laster beschäftigen, das jedem guten Stil hohnspricht: den Schachtelsätzen. Schauen Sie doch mal wieder vorbei.

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Beitrag zuletzt aktualisiert am 8. Juni 2020.