Die Vermessung der Lesbarkeit

Wissenschaft ergänzt die Kreativität

Texten ist keine Wissenschaft. Es ist eine Kunst, die auf dem Boden grandioser Ideen und sprühender Kreativität gedeiht. Trotzdem haben Wissenschaftler seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts erforscht, was geschriebene Worte leichter lesbar macht. Sie untersuchten, wie lange Testpersonen an einem Text lasen und wie gut sie ihn verstanden. Sprachwissenschaftler entwickelten bis heute ca. 30 verschiedene Formeln, um die Lesbarkeit von Texten zu ermitteln. Der US-Amerikaner Rudolf Flesch gilt als einer der Pioniere auf diesem Gebiet. Mit seinem Flesch Reading Ease test konnte er nachweisen: Je höher die durchschnittliche Satzlänge und die Anzahl der Silben je Wort, umso schwerer ist ein Text zu lesen. Dieser Lesbarkeitsindex – kurz »Reading-Ease« (RE) oder »Flesch-Formel« genannt – wird auch bei Phantagon benutzt.

vermessener Text

Vermessene Texte erwünscht: Mit wissenschaftlichen Messmethoden lässt sich die Lesbarkeit verbessern.
(Fachartikel von Ralf Isau, erschienen in Lehren und Lernen, Heft 5, Mai 2002, Hrsg. Landesinstitut für Erziehung und Unterricht Stuttgart)

Wie der Flesch Reading Ease funktioniert

Je mehr Wörter und Silben, desto unlesbarer der Text

Wie stellen wir fest, ob ein Text für Sie und – wichtiger noch – für Ihre Kunden gut lesbar ist? Um den Lesbarkeits-Index von Flesch zu errechnen, ermitteln wir die durchschnittliche Zahl der Silben pro Wort. In der nachfolgenden Formel wird dieser Faktor ASW genannt. Im nächsten Schritt brauchen wir die mittlere Satzlänge in Worten – unten als ASL bezeichnet. Hier nun von Toni Amstad auf die deutsche Sprache übertragene Flesch-Formel:

FREde = 180 - ASL - ASW × 58,5

Der so ermittelte Index – der »Flesch-Grad« – ist eine Zahl zwischen 0 und 100. Je höher der Wert, desto leichter erfassbar ist der Text. Bei einem Ergebnis von Null ist er so gut wie unlesbar. Liegt der Index zwischen 60 und 70 gilt er als geeignet für 13- bis 15-jährige Schüler. Anders ausgedrückt: Bei durchschnittlich 14 Wörtern pro Satz und 1,62 Silben je Wort kann man einen Text als einfach einstufen. Er ist dann in etwa so eingängig ein Schmöker von Karl May. Es gilt die Daumenregel: Mehr als vier Silben sollte ein Wort nicht umfassen, durchschnittlich sollten es nur zwei sein. Müssen die Wörter doch einmal länger sein, teilt man sie durch Bindestriche auf. Oder man umschreibt sie.

Fassen Sie sich kurz!

Nach wie vielen Wörtern verliert man den Leser?

Der professionelle Texter achtet auch auf die Länge der Sätze. Das Paderborner Institut für Kybernetik hat hierzu eine Studie erstellt. Die Forscher untersuchten, nach wie vielen Wörtern Zuhörer innerlich abschalten. Oder: Wann kann das Gehirn nicht mehr zum Anfang des Satzes zurückkehren, um den Zusammenhang zu erkennen? Im Alter von sieben Jahren setzt das Verständnis beim achten Wort aus. Erwachsene haben einen längeren Atem. Ein Drittel schafft es bis zum elften Wort. Und mehr als der Hälfte geht mit dem 14. Wort die Puste aus.

Im Prinzip lassen sich diese Ergebnisse auf geschriebenen Text übertragen. Noch 1963 empfahl Ludwig Reiners in seiner Stilfibel: »Bauen Sie keine langen Sätze; im Allgemeinen nicht mehr als 15 – 20 Wörter!« Seitdem hat sich das Leseverhalten geändert. Lange galt die Daumenregel, Sätze sollten nicht mehr als 14 Wörter umfassen. Heute nennt die Deutsche Presse-Agentur dpa eine Obergrenze von neun Wörtern pro Satz.

Formeln ersetzen nicht das Formulieren

Der Flesch Reading Ease und die beschriebenen Regeln beruhen auf statistischen Erfahrungswerten. Andere Verfahren wie das Hamburger Modell berücksichtigen auch das intuitive Wissen des Lesers. Allen Methoden ist jedoch eines gemein: Sie schreiben keine Texte, sie können nur messen, was bereits geschrieben worden ist. Für den erfahrenen Webetexter sind sie wertvolle Hilfsmittel, um seine Arbeit zu vervollkommnen. Formeln allein werden aber niemals aus Frau Jedermann eine grandiose Werbetexterin machen.

Lassen Sie uns Revue passieren, worauf es bei einem Texter ankommt.

Fazit